Donnerstag, 10. Juni 2010

Architektur und Identität (Selbstwertgefüge)

Von der Architektur wird gerne gesagt, sie sei nach der ersten Haut, der des menschlichen Körpers, der zweiten Haut, der der menschlichen Kleidung, die dritte Haut, da sie uns Menschen umgibt, gewissermaßen kleidet und schützt. 

Deshalb las ich über Mode und welche Funktion sie haben kann. 

Neben der Kleidungsmode gibt es auch die Moden in der Architektur, genauso läßt sich die menschliche Haut gestalten. Dem muß eine Sinngebung unterliegen. 

Ich stieß auf prägnante Sätze bei Cathy Newman, die mir durch Zufall genau das erhellten, um was es geht. Sie schreibt: 

"Mode dreht sich um Schönheit, aber auch darum, wer wir augenblicklich sind, wer wir sein wollen und wer wir im Begriffe sind zu werden." (1) 

Es geht also darum, wie wir uns selbst fühlen, fühlen wollen und wie wir von anderen erlebt werden und erlebt werden sollen. 

Bei Mode geht es um Verwandlung, um Maskerade, um Erzeugung von Wirkung auf andere und um Beeinflußung des Selbstwertgefüges. Dies gelingt in jeweils unterschiedlichem Maße. 

"Es gibt afrikanische Masken und Kleidungsstücke", schreibt Cathy Newman, "denen eine solche Kraft innewohnt, dass sie die Identität des Trägers auslöschen und ihn in ein vollkommen anderes Wesen verwandeln." (2) 

Natürlich gilt das auch für Architektur. 

Wer in einem Palast wohnt, der wirkt auf Menschen anders wie jemand, der in einer armseligen Hütte notdürftig eingerichtet ist. Was kann er daran ändern? 

Andererseits kann die Wirkung einer raffiniert erdachten Hütte kulturell so groß sein, daß es denen in Palästen mulmig werden muß. 

Als Beispiel mag "Onkel Toms Hütte" gelten, obwohl das menschliche Design sich hier nicht auf die Architektur der Hütte bezieht, sondern auf einen Ort sozialer Gestaltung. Man nennt das auch Sozialarchitektur. 

Cathy Newman, die in der Verwandlung durch Mode eine Machtoption sieht, zitierte H.M.Cole zur afrikanischen Maskerade: 

">>Der Mann mit der Maske - in aller Regel sind es Männer - erfüllt eine spirituelle Mission<<, sagt Herbert M.Cole, Professor für Kunstgeschichte an der University of California in Santa Barbara. >>Die Maske 
erlaubt das Überstülpen eines komplett anderen Charakters.<<>>Ich bin nicht ich selbst.<<" (3) 

Daselbe gilt auch für Frauen, Kinder und Jugendliche, die sich verwandeln. 

Wir können das auf jegliche Architektur beziehen. 

Wenn wir uns in eine mondäne und riesige Shopping Mall begeben, die exklusive Waren zeigt, so wirkt das gesamte Ambiente auf uns zurück und verwandelt uns. Obwohl wir uns in einem armseligen Land mit hoher Staatsverschuldung aufhalten müssen, 
schaffen wir uns so einen Identitätswandel, der auf uns und andere nachhaltig wirkt. Als Mitglieder einer "reichen Nation" sind wir plötzlich "nicht mehr arm dran" und können auf andere Menschen herabblicken, die über solchen Reichtum nicht verfügen. 

Wahrscheinlich brauchen wir grundsätzlich ganz andere Shopping Malls auf der Welt und Architekten, die eine bessere Zwischenmenschlichkeit auf dem Erdenball erzeugen können. 

Architektur ist also ganz gewiß identitätsstiftend, wie jede andere Modeerscheinung. 

Karl-Ludwig Diehl

http://gemeindeunddemokratie.blogspot.com/

Anmerkungen:
(1)-(3) zitiert aus:
Cathy Newman: Magie der Schönheit. Eine optische Reise durch Mode, Kleidung und Schmuck. National Geographic. Im Buch o.O., o.J. S.172